Kannst Du Dein eigenes Kanu steuern?

Bock leitet den Gesundheitsdienst der Harvard-Universität: er ist ein Mediziner alter Schule – und einer der keine hohe Meinung von seiner Zunft hat: Sie befasse sich zu sehr mit Krankheiten, statt die Bedingungen zu erforschen, die „gesunde, normale Menschen“ hervorbringen. Oder, wie Bock sich ausdrückt: „Männer die ihr eigenes Kanu steuern können“.
Aus Geo 06/2011, Beitrag „Wie das Leben glückt“, Zitat Seite 114 unten, Mediziner Arlie Bock, Mit-Initiator Grant Study of Adult Development 1938-2000

Die gestrige Lektüre der aktuellen Geo und besonders dieses Zitat haben mich heute dazu inspiriert, mal wieder ein wenig laut bzw. schriftlich über meine Berufung nachzudenken. Denn meinen Tätigkeitsbereich sehe ich genau da: Mehr oder weniger auf der anderen Seite der Medizin (was eigentlich ja nicht stimmt, denn laut Wikipedia ist „Die Medizin (von lat. ars medicinae, „Heilkunst“, auch „Heilkunde“) (…) die Lehre von der Vorbeugung, Erkennung und Behandlung von Krankheiten und Verletzungen bei Menschen und Tieren.“), in einem Bereich ohne Namen, der „gesunde, normale Menschen“ hervorbringt. Ein Feld, in dem ich Menschen dabei helfe, mit Hilfe von Bewegung, Ernährung und Regeneration Verantwortung für den Zustand des eigenen Körpers zu übernehmen und so möglichst lange, wenn nicht ein Leben lang ohne die Unterstützung der Medizin auszukommen. Ausgenommen davon sind natürlich Zustände, die nicht vom Individuum beeinflusst werden können, wie Unfälle, u.Ä.. Offiziell gibt es natürlich mehrere Felder, die sich das so oder so ähnlich auf die Fahne geschrieben haben (die folgende Aufstellung ist nicht vollständig, nicht wissenschaftlich belegt und spiegelt ausschließlich meine persönliche Meinung wieder – genauso wie dieser gesamte Blogbeitrag)

  • Medizin: Werkstatt, wenn was kaputt gegangen ist, trendabhängig? Es geht zumindest immer mehr „kaputt“ oder wird als reparaturbedürftig und reparierbar (auch wenn die Ursache auch im Prozess des Ablebens liegt) definiert. Komischerweise ertragen nicht wenige angestellte Mediziner Arbeitsumstände (in die sie von der Verwaltung gezwungen werden), die sie fast mit Garantie zu sehr guten Kunden ihrer eigenen Zunft werden lassen… unsere Gesellschaft lässt also ihre „Heiler“ un-heile leben und krank werden.
  • Sport: wer produziert bessere Zahlen (nicht: wer fühlt sich bis an sein Lebensende am besten!)? Wer kann die Signale seines Körpers am besten ignorieren, Schmerzen ertragen und maximale, extreme „Leistungen“ bringen, auch wenn er das dann spätestens in seiner zweiten Lebenshälfte mit extremen „Gebrauchsspuren“ und wahrscheinlich auch Einschränkungen unterschiedlicher Art bezahlen darf?
  • Fitness: Aufmotzen und „Tuning“ wenig Fett (auch mit Hilfe der Medizin), viel Muskeln, braune Haut, so aussehen, wie die Medien es zeigen, trendabhängig, nicht unbedingt gleichzusetzen mit Gesundheit, Sport und Körperbeherrschung
  • Kosmetik: etwas überdecken und besser aussehen lassen, als es eigentlich ist, trendabhängig
  • Wellness: mehr oder weniger die Regeneration fördernde Maßnahmen, die Sinn machen, wenn vorher ein trainingswirksamer Reiz gesetzt wurde (<> sitzende Tätigkeiten), trendabhängig und nicht immer sinnvoll, aber gut für die Wirtschaft!
  • Wissenschaft: Wissen schaffen  – und zwar so viel, dass das ursprünglich Selbstverständliche so weit bedeckt ist, das diejenigen die noch oder wieder wissen, wo es liegt und wie es sinnvoll anzuwenden ist, gefragte Experten sind
  • Leben in der Normalität: die normalen, gesunden, selten extremen Bedingungen und das alltägliche Verhalten, das Menschen glücklich, lange funktionsfähig leben lässt. Leistungsspitzen können bei Bedarf ohne negative Folgen abgerufen werden. Nur für das jeweilige Individuum und seine direkten sozialen Kontakte interessant, also: Langweilig!

Problem für die ständig auf Wachstum bedachte Wirtschaft: Menschen, die in der Normalität leben sind unabhängig und kommen im Optimalfall mit wenig aus. Sie brauchen selten Trends und sind mit glücklich mit dem, was wenig oder nichts kostet: Natur (die Fahrt dahin wird leider immer teuer), saubere Luft, Geräte-unabhängige und selbstmotivierte Bewegung. Trends und Extreme sind medienwirksam und daher gut für die Wirtschaft – leider aber weniger gut für das Individuum. Und wer will heute schon normal sein – schließlich paddeln wir ja selten in unseren eigenen Kanus…

Nachtrag: Zitat aus derselben Geo, Seite 120:

„Die Faktoren, die Länge und Qualität eines Lebens bestimmen, stehen bereits um die Lebensmitte herum fest, mehr noch: Sie lassen sich, in gewissem Umfang, gezielt beeinflussen. Wer mit 50 Jahren

  • nicht raucht,
  • Maß hält beim Essen und Trinken
  • sich etwas bewegt,
  • 16 Jahre Bildung absolviert hat,
  • in einer stabilen Beziehung lebt
  • und über reife Krisenbewältigungsstrategien verfügt

der ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auch mit 75 noch wohlauf. Wer mit 50 dagegen über weniger als vier dieser Schutzfaktoren verfügt, wird ziemlich sicher in den nächsten 25 Jahren entweder schwer erkranken oder sterben.“

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Lars

Leidenschaftlicher Bewegungspraktiker und begeistert von den Möglichkeiten des Internets für Fortbildung und Marketing. Ich liebe meine Familie, Wasserball spielen, Katamaran segeln, Lesen und Espresso.